Dichtungen von Johann Rist und Bachs Wehnachtsoratorium
Johann Rist entwickelte in Kooperation mit bedeutenden Musikern seiner Zeit wie Johann Schoop, Heinrich Scheidemann oder Andreas Hammerschmidt ein umfassendes, kulturgeschichtlich bedeutsames Arienkonzept.
Eins der wesentlichen Merkmale dabei ist das Verschmelzen von Musik (von der man annah
m, sie könne Herzen bewegen) mit einer nationalen, kunstvollen Textdichtung, die sowohl musikalische Potentiale bot als auch solche Impulse in sich aufnehmen konnte. Rists Ziel, „beweg-liche“, also das Gemüt anrührende Kunstwerke aus Dichtung und Melodie zu schaffen, war im frühen 17. Jahrhundert weitgehend Neuland für einen deutschsprachigen Dichter und seinen Musikerkreis.
Johann Rists Schöpfungen waren so beliebt, dass eine ganze Anzahl von ihnen durch melodische Vereinfachungen in gemeindetaugliche Kirchenlieder umgewandelt wurden – in machen Kirchengesangbüchern finden sich über die Jahrhunderte hinweg bis zu 30 Lieder aus der Feder unseres Wedeler Pfarrers.
Dieser Befund führt zu einer erstaunlichen Beobachtung: Auch nachdem der zeittypische Musikgeschmack späterer Komponistengenerationen ein ganz anderer geworden ist, bewahren die Dichtungen Rists ihre ursprüngliche künstlerische Attraktivität, etwa für Dietrich Buxtehude oder Johann Sebastian Bach.
An Bachs Weihnachtsoratorium von 1734 lässt sich in besonders eindrücklicher Weise nachvollziehen, welche Inspirationsquelle die Rist-Texte für den Thomaskantor darstellten. Gleich dreimal erfolgt hier der Rückgriff auf Johann Rist. Die gleichermaßen wort- und bildgewaltigen wie sprachlich sensiblen Dichtungen begegnen uns herausgelöst aus dem musikalischen Kontext ihrer Originalvertonungen.
Bach beginnt in der Kantate zum 2. Weihnachtstag mit dem berühmten Rist-Choral:
„Brich an, du schönes Morgenlicht,Und lass den Himmel tagen!Du Hirtenvolk, erschrecke nicht,Weil dir die Engel sagen,Dass dieses schwache Knäbeleinsoll unser Trost und Freude sein,Dazu den Satan zwingen,Und letztlich Friede bringen.“
unter Verwendung der Originalmelodie Johann Schoops aus den „Himmlischen Liedern“ (1642), allerdings nicht im ursprünglich tänzerischen Charakter, sondern in einer gemäß dem modernen Kirchenstil rhythmisch geglätteten Form.
Bach, der sich nachweislich fortgesetzt mit Rist-Texten befasste, legt in der 4. Kantate zum Neujahrstag eine völlig andersartige Komposition vor: Ausgehend vom musikalischen Kunstcharakter einer Rist-Dichtung aus den „Neuen himmlischen Liedern“ (1651) komponiert Bach zwei Duette, in denen er neu gedichtete Bass-Rezitative („Immanuel, o süßes Wort“ sowie „ Wohlan, dein Name soll allein in meinem Herzen sein“) mit der 1. Strophe aus Rists „Loblied“ kombiniert:
„Jesu, du mein liebstes Leben, meiner Seelen Bräutigam, der du dich vor mich gegeben an des bittern Kreuzes Stamm.sowieJesu, meine Freud und Wonne, meine Hoffnung, Schatz und Teil, mein Erlösung, Schmuck und Heil, Hirt und König, Licht und Sonne, ach! wie soll ich würdiglich, mein Herr Jesu preisen dich?“
Diese echten Neukompositionen mit kunstvoller Melodik, anspruchsvoller Intervallausformung und ausdrucksstarker Harmonik lassen jeden Anklang an eine frühere Bestimmung als Kirchenlied vergebens suchen. Ganz im Gegenteil: Der zweite Teil der Rist-Strophe bringt eine der ergreifendsten Arioso-Kompositionen hervor, die Bach der Musikwelt geschaffen hat.
Für den Schlusschor wiederum komponiert Bach auf das Neujahrslied „Hilf Herr Jesu, lass gelingen“, diesmal wiederum aus den „Himmlischen Liedern“ (1642), eine völlig neue Melodie. Er gestaltet sodann ein prachtvolles Wechselspiel von reich instrumentiertem Orchestersatz mit der letzten Strophe der Dichtung Johann Rists:
„Jesus richte mein Beginnen, Jesus bleibe stets bei mir, Jesus zäume mir die Sinnen, Jesus sei nur mein Begier, Jesus sei mir in Gedanken, Jesus lasse mich nicht wanken!“