Das Beispiel

Soll das ein Liebesbrief sein? Ist es plumpe Anmache? Oder war der Absender betrunken?

Adelheit von Ehrenberg betrachtete den versiegelten Brief. Der kam natürlich nicht mit der Post, sondern wurde durch einen Boten überbracht. Das war damals so üblich, vor etwa 400 Jahren. Adelheid von Ehrenberg brach das Wachssigel und las den Absender: „Liebholdt von Hasewitz, Herr zu Leimstangen“. Kannte sie den Herren? Neben der Unterschrift stand: „Vostre Esclave jusques â tombeau“, offenbar französisch: „Ihr Sklave bis zum Grabe“. Wer schreibt denn so was? Beim ersten Lesen verstand sie nur die Hälfte. Die Handschrift war zwar gut leserlich, aber was hatte das zu bedeuteten:

„Sie perdonnieren mir, allerschönste Dame, dass ich die hardiesse gebrauche, mich treu alleruntertänigsten Serviteur zu nennen: Der grimmige Amor, welchem zu resistieren keine einzige Creatur bastandt ist, hat mich mit einem solchem Titul und Namen schon längst privilegieret, deme sich zu opponieren ich mich viel zu schlecht und gering erkenne. Ihr, hochgepriesene Dame, seid ein Extract aller vollkommenen Schönheiten, so dieser Zeit in dem großen Umkreise der Welt mögen florieren.“

Nochmals lesen! Was will dieser Mensch? Da will ein „Serviteur“, der sich vor einem grimmigen Burschen namens „Amor“ schämt, etwas von einer „Dame“ die offenbar „vollkommen schön“ auf dieser Welt wächst? Nochmals lesen…

Adelheit von Ehrenberg schien irritiert und gleichzeitig verärgert. „Mein Herr…“, so antwortete sie dem Liebholdt von Hasewitz,

„Mein Herr nennt mich in seinem Schreiben vielmals eine ‚Dame‘: Was dieses Wörtlein in unserer deutschen Sprache heiße oder bedeute […], [soll wohl] ein französisches Wort sein […], das Wort ‚Dama‘ in der lateinischen Sprache [heißt] so viel als eine Gemse oder stinkende Berg-Ziege […]. Es dürfte also, dieser Bedeutung nach, dem löblichen Frauenzimmer eine sehr schlechte Ehre erwiesen werden […]. Pfui der Schande!“

Den vollständigen Liebesbrief des „Herrn zu Leimstangen“ und die Antwort von Adelheit von Ehrenberg, hat uns Johann Rist überliefert in seinem Buch: „Rettung der Edlen Teutschen Hauptsprache: Wider alle deroselben muhtwillige Verderber und alamodesirende Auffschneider; In unterschiedenen Briefen, allen … Liebhaberen für die Augen gestellet“. Das Buch erschien im Jahre 1642 und wurde gedruckt bei Heinrich Werner in Hamburg. Einige der umständlich verschlüsselten Anzüglichkeiten im Liebesbrief übergehen wir höflich und zitieren, was jene Adelheit von solch einem „Herren“ hielt.

„Was Lieben eigentlich sei“, so vermerkte sie bescheiden, „verstehe ich zwar zur Zeit noch nicht; Das weiß ich aber wohl, dass der Herr und seinesgleichen müßige Gesellen, nicht viel anderes tun, als dass sie redlichen Weibern und Jungfrauen tausenderlei Netze und Fallstricke stellen, dieselbe in ihrer Einfalt zu berupfen, ja sogar ihres höchsten zeitlichen Kleinods zu berauben.“

Und weiterhin bekannte sie:

„Da höret man denn anders nichts, als wie Ihr solcher leichtgläubigen Personen, große Vollkommenheit, treffliche Geschicklichkeit, göttliche Schönheit, himmlische Tugenden und übermenschliche Eigenschaften, sogar bis über die Wolken erhebet und bei die Sterne setzet, da Ihr doch solcher groben Schnitzer hernachmals selber lachet und das fromme einfältige Schaf, welches Eueren schändlich Lügen so leicht und balde hat geglaubet, in Euerem Herzen hönischerweise verspottet, ja noch bei jedermann öffentlich rühmet, wie Ihr diese oder jene schöne ‚Dame‘ ans Narrenseil gebracht und Euch zu lieben habet bewogen. Oh wie müssen doch solche Weiber und Jungfrauen so gar arm von Verstande und reich von Torheit sein, dass sie allen den falschen Überredungen so geschwinde trauen und von den allergrößten Aufschneidern der Welt so bald sich verführen lassen! […] Mein Reim, den ich in ehrlichen Liebeshändeln pflege zu führen, ist zwar kurz, aber meines Erachtens mit keinem Gelde noch Golde zu bezahlen. Er heißet: Einen oder keinen.“

Und schließlich ließ Adelheid von Ehrenberg die wohl verstandene „Moral von der Geschicht´“ folgen:

„[…] so wolle er [der Herr zu Leimstangen] meine Wenigkeit hinfüro mit solchen und derogleichen Schreiben gänzlich verschonen, da ich mit den falschen, ausländischen, verkehrten und gefährlichen Liebes- und Lobes-Händeln durchaus nicht mag zu schaffen haben, besonders wiederhole ich hiermit nochmals, was ich des öfteren erwähnet habe, dass ich mich durch die Gnade Gottes treu-fleißigst bemühen wolle, eine redliche Jungfrau von teutschem Herzen, von teutschen Sitten und von teutscher Sprache und Worten, zu sein, zu bleiben, zu leben und zu sterben. […] Adelheit von Ehrenberg.“

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