Warum will uns Rist die „neue deutsche Sprache“ schmackhaft machen?
1642, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der „Rettung der Edlen Teutschen Hauptsprache“, befindet sich Europa seit 25 Jahren im Krieg. Es ist der sogenannte „Dreißigjährige Krieg“. Seit Beginn des Krieges mischten sich die kriegführenden Heere mit Menschen aus allen beteiligten Nationalitäten. Auch die „Sprachmengerei“ ist weit fortgeschritten. Aus allen Fremdsprachen und Dialekten entsteht ein Sprachbrei, der kaum mehr „deutsch“ genannt werden kann. Johann Rist führt uns ein solches Exempel vor, in der Figur des Liebholdt von Hasewitz.
a) Die Wissenschaften
Zur gleichen Zeit nehmen die Naturwissenschaften Fahrt auf. Johannes Kepler erforscht die Himmelskörper, seit Galilei steht die Erde nicht mehr im Mittelpunkt des Universums. Amerika ist längst entdeckt und die Schifffahrt profitiert von verlässlichen Navigationsinstrumenten. Die Mathematik, Geometrie, Physik, Botanik, Chemie und Medizin verhelfen der Menschheit zu technischen Hilfsmitteln. Johann Rist ist ein aufmerksamer Beobachter und Anwender dieser Neuerungen. In seinen Monatsschriften wird er gegen Ende seines Lebens detailliert davon berichten.
Diese an den Naturerscheinungen orientierten Wissenschaften erfordern eine Exaktheit, die in Naturgesetzen formulierbar sein soll. René Descartes macht sich Gedanken über die „richtige Methode“ des Denkens. Wissenschaft darf nicht spekulieren, sondern ist angeleitet vom „gesunden Menschenverstand“. Nicht mehr das Schließen von einem beobachteten Phänomen auf ein allgemeines Gesetz, die Induktion, ist alleingültig, sondern umgekehrt, die Deduktion, das Beherrschen der Einzelfälle aus allgemeinen Überlegungen wird wichtig. Richtiges Denken anerkennt Kausalität, indem eine Ursache einer Wirkung entspricht und umgekehrt eine Wirkung immer eine Ursache voraussetzt und deshalb aufgesucht wird. Exaktheit aber erfordert verlässliche und verstehbare Begriffe, als Bestandteile einer logischen Sprache. Johann Rist findet diese Denkweise zu seiner Zeit vor. Sie gewinnt auch bei ihm an Glaubwürdigkeit.
b) Die Theologie
Dagegen, das Zeitalter der Glaubwürdigkeit der Autoritätsverwalter der Kirche geht zu Ende. Pikanterweise gehört Rist als Pastor selbst der Kirche an. Die Menschen wollen sich nicht mehr vorschreiben lassen, wie die Welt richtig zu verstehen ist. Seit der Bibelübersetzung vom Lateinischen ins Deutsche durch Martin Luther, ist die Religion für alle da. Die Menschen verstehen Gott und die Welt selbständig, auch ohne die Vermittlung durch Geistliche.
c) Die Philosophie
Eine neue Erklärungselite bildet sich heraus vom Typ: Magister bzw. Doktor, das ist ein wissenschaftlich Gelehrter. Die Philosophie emanzipiert sich von der universitären Scholastik. Ebenso wie sich Geisteswissenschaftler von den universitätszentrierten „Schulen“ unabhängig machen, setzt eine Verdrängung der weltlichen „aristokratischen“ Autoritäten ein. Moralisch orientieren sich die Menschen am „verbindlichen Sollen“, d.h. an abstrakten Modellen, statt an Autoritäten.
d) Die Ökonomie
Eine „neue deutsche Sprache“ garantiert auch wirtschaftliche Vorteile. Der Verkauf von deutschsprachigen Büchern erschließt eine neue Käuferschaft. Nicht allein diejenigen, die eine Bildungskarriere mit lateinischer Sprache durchlaufen haben, sondern auch das interessierte deutschsprachige Bürgertum profitiert von einer Normierung der Sprache. Ebenso erweitert sich der regionale Verbreitungshorizont der Druckschriften. So konnte ein Mensch aus Holstein, wie Johann Rist, einen Deutschsprachigen aus der Alpenregion kaum verstehen. Heutzutage finden wir diesen Unterschied noch zwischen dem Niederländischen, dem Schweizerischen oder einem deutschen Dialekt. Wollte Johann Rist in seinem plattdeutschen Wedeler Dialekt etwas veröffentlichen, hätte jemand aus Augsburg das Buch sicher nicht gekauft. Weite Verbreitung von Büchern führt auch dazu, dass Autoren bekannt werden und Einfluss erlangen. Die Standesschranken werden hierdurch zunehmend durchlässig, auch Johann Rist wird in den erblichen Adelsstand versetzt.
e) Wedeler Verhältnisse
Obwohl „Johann von Rist“ bei Hofe oder in einer Großstadt hätte avancieren können, zog er es vor in dem Dorfe Wedel als Schriftsteller und Pastor zu leben. Wedels Einwohner sind zu seiner Zeit noch weit entfernt vom Ideal des emanzipierten Individuums. Mit der biblischen Metapher vom Schäfer der seine Herde hütet, verharrte Rist in seiner ländlichen Einsamkeit und imaginierte sich eine antike literarische Götterwelt und sich selbst als Liebling der Musen und Apollons. Eine tolerante Anerkennung der moralischen Eigenständigkeit seiner Kirchengemeindeglieder kam ihm nicht in den Sinn. Jedes Unwetter, jede alkoholische Ausschweifung und jeder Lug und Trug veranlassten ihn zu scharfer Verurteilung im Namen eines allgütigen Herrn Jesus. Und was das „Neue Deutsch“ betrifft, wird ihm doch zumeist der pädagogische Mut zur Umsetzung in der eigenen Gemeinde gefehlt haben. Seine plattdeutschen Landsleute, zogen das Schauspiel mit den amüsanten mundartlichen Schäfergedichten bei weitem den Dichtungen in reinem Neu-Deutsch vor. Thomas Murner brachte es schon 1515 auf den Punkt indem er das Radebrechen, das „Einbrocken der fremden lateinischen Wörter“ in den Sprachbrei seiner Zeit beklagte:
„Was können sie mit Beten schaffen,
so sie doch nicht verstehn Latein,
und brocken doch die Wörter ein
und kauen alle Wörter so,
als unsre Küh´ das Haberstroh“
f) Das Bildungssystem
Menschen mit Schulbildung hatten Latein gelernt. Latein galt als Universalsprache, wie heute das Englische. Zu Rists Zeiten entstanden die ersten Wörterbücher, die die Bedeutung eines Wortes aus dem Lateinischen in das Deutsche übersetzten. So konnte das Deutsch, das Luther bei der Bibelübersetzung gebrauchte, als Vorbild für das erste „Hochdeutsch“ gelten. Jetzt musste es nur noch in Umlauf gebracht werden. Dies leisteten die sogenannten „Fruchtbaren Gesellschaften“, gelehrte Menschen, die die Absicht hegten, ein allgemein anzuerkennendes Deutsch zu pflegen. Johann Rist war gleich in mehreren dieser Gesellschaften aktiv.