Wovon geht Rist aus, was ist sein Vorbild? Was bezweckt Rist mit der Rettung der deutschen Sprache?
Johann Rist empfand sich als ein Gebildeter in Sachen „Sprache“. Seine Bildung erwarb er in den höheren Schulen und Universitäten. Insbesondere die Schulfächer orientierten sich zu seiner Zeit noch an den scholastischen „septem Artes liberales“ (Die sieben freien Künste).
a) Triviales
Die schulische Grundbildung, das Trivium (drei Wege), bestand erstens aus der lateinischen Sprache. Hier wurde bereits eine „Grammatik“ gelehrt, die in der „deutschen Sprache“ zwar praktiziert, aber noch nicht systematisiert war. Erste Anstrengungen auf dem Gebiet der grammatikalischen Ordnung unternahmen Zeitgenossen von Johann Rist, beispielsweise Schottelius, Zesen, Harsdörfer und andere. Es entstanden Wörterbücher, die den Bestand der deutschen Wörter festlegten und ihre grammatikalische Beziehung zueinander festschrieben. Johann Rist überließ diese Fleißarbeiten gerne anderen, stattdessen legte er sein literarisches Bemühen in die zweite und dritte Kunstfertigkeit des Triviums, in die logischen Ausgestaltung der Sprache, in die „Dialektik“ und in die Rede- und Schreibkunst, die „Rhetorik“. Für ihn stand die kunstvolle und richtige Anwendung der deutschen Sprache als Schriftsteller und Dichter im Vordergrund. Sein großes Vorbild war der Zeitgenosse Martin Opitz.
b) Nicht-Triviales
Die universitäre Bildung floss als formbildendes Material in seine schriftstellerischen Texte. Das waren die restlichen vier Künste, das Quadrivium (vier Wege), Arithmetik, Geometrie, Astronomie (inkl. Astrologie) und die Musiktheorie. Diese Fächer spiegeln die formbildenden Größen der sprachlich-symbolischen Kräfte wieder. Längst waren diese, zu Rists Zeiten, schon ergänzt und überformt durch die Naturwissenschaften, die Philosophie und die Theologie.
c) Neue Ordnung
Die „Rettung der Edlen Teutschen Hauptsprache“ ist also der Versuch, in einer „Erzählung“, die kulturellen Grundlagen betreffend, einer vorgefundenen defizitären Lebenswelt, neue Ordnung zu schaffen. Eine Ordnung in der Unordnung moralischer Verirrungen, die die glaubensreformatorischen Erschütterungen und die kriegerischen Verwüstungen des deutschen Sprach-Raumes verursacht haben. Dies ist der Kern des Begriffes „Poesie“, eine „poiesis“, eine Neuerschaffung der Welt auf dem Boden der Alltagssprache. Die Neuerschaffung ist inspiriert aus einem traditionellen aber wissenschaftlich begründeten Selbstbewusstsein. Der orientierende Kompass eines solchen Selbstbewusstseins besteht in der christlichen Moralvorstellung.
Oder, wie Rist es selbst sagt: „Dir, geneigter und aufrichtiger lieber Leser wird dein Verstand leicht und bald zu Gemüte führen, was mich gereitzet habe, dieses Satirische Büchlein der Welt Urteil zu unterwerfen, jedoch bekenne ich dir zum Überflusse, dass […] die schuldige Liebe meines Vaterlandes, die herzliche Neigung zu unserer teutschen Hauptsprache, der Abscheu für deroselben mutwilligen Verderben und schädlichem Missbrauche, die Begierde des süßen und edlen Friedens, der Hass des weltverderblichen Krieges und die Gedächtnisse meines hochgeliebten Herrn Opitzen dieses unterschiedene Schreiben herausgepresset und mich gleichsam genötiget haben, dem werten Vaterlande endlich durch den Druck zu übergeben.“