Die Mittel

Wie will uns Rist die „neue deutsche Sprache“ schmackhaft machen?

Johann Rist war zeitlebens kein Anhänger der Theorie. Er bevorzugte in seinen Prosa-Texten die bildhafte Schilderung der Lebenspraxis. Sein Metier ist die Erzählung und das Schauspiel. Selbst in seinen theorienahen „Monatsschriften“ wählt er die Form der Unterhaltung unter Freunden. Auch in der Schrift: „Rettung der Edlen Teutschen Hauptsprache“ führt er Personen vor in einem Zwiegespräch, in einem „Dialog“.

a) Der Briefwechsel

Liebholdt von Hasewitz eröffnet das Gespräch mit einem Brief nach der Mode der aristokratischen Dünkelhaftigkeit, einer „à la mode-Sprachmengerei“, wie Rist es nennt. Die Absicht ist klar: Hasewitz gibt deutlich zu erkennen, dass er an einer Beziehung mit der Dame interessiert ist. Nicht umsonst betitelt Rist ihn als „Herr zu Leimstangen“, im Sinne von „Klebestreifen-Fliegenfalle“. Obwohl der Brief die junge Frau in die Stimmung versetzen soll, wohlwollend auf seine „Avancen“ einzugehen, schreckt sein geschraubter Sprachstil ab. Adelheit von Ehrenberg erteilt dem Fliegenfänger in klar unterscheidbarem „Hoch“-Deutsch eine deutliche, eine deutsche Abfuhr, indem sie seinen Schreibstil als unwürdig bezeichnet und die Absicht, sie unmoralisch verführen zu wollen, enttarnt. Das Märchen von einer heilen Welt, die durch einen süßlichen Liebesbrief herbeigezaubert werden kann, endet in Ernüchterung. Die Dame empfiehlt Klarheit und Lauterkeit. Klarheit im deutschen Sprach-Stil und L
auterkeit in der ethisch-christlichen Haltung gegenüber einer jungen Frau. Sie empfiehlt ausdrücklich nicht „Höflichkeit“, denn das „à la mode“-Verhalten bei Hofe scheint ihr verdächtig.

b) Der Dialog

Die Form des Zwiegespräches gilt in der Literaturgeschichte als ein wohlbekanntes Stilmittel, die Wahrheit zu ergründen, ohne sie offenzulegen. Bereits die Dialoge des Platon, genauer noch die Zwiegespräche seines Protagonisten Sokrates mit dessen Schülern, offenbaren dieses sprachliche Mittel. Platon nannte diese Methode „Maieutik“ (zu deutsch: Hebammenkunst). Einer zu gebärenden Wahrheit wird durch das „pro und contra“ des Zwiegesprächs auf die Welt geholfen. Nur, welche Wahrheit? Denn gleichzeitig wirkt dieses Mittel auch entnervend, sollte sich die Wahrheit nicht, wie erhofft, sogleich zeigen, oder sollte gar ein Wahrheits-Monster das Licht der Welt erblicken. Wie bekannt, führte Sokrates den Leuten auf dem Markplatz in Athen durch das nachfragende Zwiegespräch ihre Unwissenheit vor. Diese Unwissenheit tritt dann auf ärgerliche Weise zutage.

c) Der Wahrheitsgehalt

Welche Form der Wahrheit bei Johann Rist beabsichtigt ist, lässt er im satirischen Zwielicht. Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen: „Also ich, ob ich gleich nur darum, dass ich zuzeiten die Wahrheit geschrieben oder gesungen, bei vielen groben unvernünftigen Stutzern und aufschneiderischen Schnarchhasen wenig Danks habe verdienet, komme ich doch gleichwohl mit meiner alten Satirischen Geige wiederum aufgezogen, unangesehen ich sehr wohl weiß, daß, dieweil ich abermal ein Lied von der Wahrheit habe gegeiget, man mir die Geige gern wollte um die Ohren schmeißen und meine Mühe mit einem solchen Dankgelde aufs dankbarlichste bezahlen.“

d) Die Form der Wahrheit

Zu Rists Zeit bedeutet der Begriff „Satire“ eine literarische Arbeit, die menschliche Torheiten lächerlich machen und verspotten soll. Vorbild war nicht zuletzt ein Zeitgenosse Luthers, Erasmus von Rotterdam, der 1509 das satirische Buch: „Lob der Torheit“ veröffentlichte. Was lächerlich gemacht werden sollte, waren die „à la mode-Sitten“, sowie die höfische, bürgerliche und klerikale Prunksucht und Prasserei, die während des 30jährigen Krieges auch die „Pfaffen“ ergriffen hatte. Ein Autor des 19. Jahrhunderts, Karl Goedeke, charakterisiert die Satire Rists folgendermaßen: „Dahinter verbirgt sich der Unterschied zwischen Lehre von guten Sitten und ehrbarem Wandel einerseits und Laster und Untugend andererseits.“ (Goedeke, Karl: Vom dreissigjährigen bis zum siebenjährigen Kriege). Die Haltung der Figur von Adelheit von Ehrenberg in Rists Briefdialog ist damit treffend beschrieben.

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