Welche Bedeutung schrieb Rist dem Theater zu?

Barocker Podcast im Hause Rist 
Das Monatsgespräch: Was ist die AllerEdelste Belustigung Kunst- und Tugendliebender Gemühter? [1]

Diese 433 (!) Seiten umfassende Schrift von 1666 ist der längste zusammen-hängende Text über die Schauspielkunst des 17. Jahrhunderts. [2] Rist bearbeitet das Thema in Form eines fiktiven Gesprächs. Er selber tritt als der Rüstige auf, dem Namen, den er als Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft trug.  Seine Gäste sind Ingeniander, Artisander und Phoebisander, wobei Ingeniander (der mit schöpferischen Fähigkeiten Begabte) sich für das Theater als die alleredelste Belustigung stark macht.  

Diese Konzeption ermöglicht es Rist, seine ganze Erfahrung und Belesenheit aus nahezu 5 Jahrzehnten einzubringen, um sich noch einmal argumentativ mit der Schauspielkunst auseinanderzusetzen. Man muss sich aber keine hoch theoretische Abhandlung vorstellen, sondern Rist bringt seine Überlegungen ganz nach Art der Theaterschaffenden in höchst unterhaltsamer Weise, gewürzt mit Anekdoten und anschaulich erzählten lustigen Begebenheiten vor. Auch diese Schrift will unterhalten.

Abbildung 1 Vase von Pronomos

Die „Expertenrunde“ befasst sich insbesondere mit der Professionalität der Schauspieler und Schauspieler-innen. Schon in der Antike habe es Darsteller von hohem gesellschaftlichem Ansehen gegeben. Dieses sei davon abhängig gewesen, ob sie in der Lage gewesen seien, ihr Publikum für sich einzunehmen. An Beispielen aus der Geschichte bis zu ihrer Zeit lobt das „Expertenteam“ die Schauspielkunst, die Affekte auslösen kann, etwa das Spiel einer Italienerin, der Göttlichen Victoria, „die sich ebenmässig ganz wunderbahrlich auff der Schau=Bühne habe zu verändern wissen“[3] und die „mit ihrer freundlichen Stimme und Gebehrden/ alle ihre Zuseher der mahssen bezaubert/daß sie ihrer selbst darüber vergessen.“[4]

Rist kannte diese Künstlerin gar nicht aus eigener Anschauung, sondern hatte über sie in dem Buch von Tommaso Garzoni gelesen, La piazza universale di tutte le professioni del mondo von 1585, das 1641 in Frankfurt a.M. in deutscher Sprache erschienen war. [5] Das er an dieser Stelle auf Garzoni zurückkommt, zeigt, wie sehr ihm an diesem Punkt gelegen war. Ein weiteres Beispiel findet Rist in den überzeugenden Schauspielleistungen der Truppe des Jan Baptist van Fornenbergh, einer niederländischen Gruppe, deren Aufführungen er mehrfach in Altona besucht hatte. Ingeniander lobt, dass die Darsteller und Darstellerinnen  

Abbildung 2 Titelkupfer zu den Monatsgesprächen

„ihre Person so beweglich haben gespielet/das man ihnen beydes mit Lust und Verwunderung hat müssen zu sehen. Es ist trauen kein geringes/das ein Mensch den anderen durch seine Rede / Sitten und Bewegung kan zwingen / daß er seine Neigung nach des Spielers eigenem Belieben muss richten […]. in Summa / Ihme fast in allen Dingen muß nachaffen. Und dieses alles veruhrsachet bey mir / das ich die Komoedianten in sonders hohen wehrte halte. [6]

Darin sah Rist die große Leistung der Bühnenkunst. Der Zustand der Figur wird so überzeugend in Wort und Körpersprache vorgespielt, dass sich der Zuschauer der Wirkung nicht entziehen kann. Auf diese Weise kann die Schaubühne als moralische Anstalt fungieren, der Zuschauer und die Zuschauerin werden dazu animiert, das Laster zu hassen und die Tugenden zu lieben. Im Unterschied zum Theater der Aufklärung sind die Figuren auf der Bühne bei Rist jedoch keine ausdifferenzierten, komplexen Charaktere, sondern auf wenige Eigenschaften festgelegt. Die Darstellerinnen und Darsteller sollen jedoch ihr ganzes Potential, Körpersprache und Dialoggestaltung, einsetzen, um bestimmte Affekte auf die Zuschauer zu übertragen.

Wie eng der Dramatiker Rist sich den Darstellern verbunden fühlte und wie detailliert seine Bühnenerfahrung war, zeigt eine Passage, in der es um die Frage geht, ob der Dialog besser in Prosa oder in gebundener Sprache abgefasst sein sollte. Dazu führt Ingeniander aus, er wisse zwar, dass die Griechen und Lateiner, die italienischen, französischen, niederländischen und brabantiner Dramatiker ihre Komödien und Tragödien in Versen abfassten, aber:

„Wer frey redet / der achtet es nicht / ob er gleich zu Zeiten einmahl fehlet oder anstosset / er kan sich bald wider begreiffen und solche Wohrte finden / welche die Meynung des Spiels deutlich genug entdekken / daß wil aber bey den Reim=Komoedien gahr nicht angehen. Ich hab es selber unterschiedliche mahl gehöhret / daß die Personen bey den Brabändern / die alle ihre Schau=Spiel in Versen oder Reimen vorbringen / wenn sie nur einmahl stekken bleiben / sich hernach nicht haben wider können heraußwiklen / wie sie denn ganze Blätter aussen gelassen und überhüpffet / wodurch der wahre Verstand des Spiels gantz und gahr ist vertunckelt worden. [7]

Rist hat so viel Bühnenerfahrung, dass er mit typischen Pannen rechnet, etwa dass die Schauspieler und Schauspielerinnen auf der Bühne „einen Hänger“ haben oder eine ganze Passage „überhüpffet“ wird. Das Wissen um solche Fehler hat erhebliche Auswirkungen auf seine Dichtung: Er entscheidet sich für Prosa, um die Wirkung des Dargestellten auf jeden Fall zu retten.

Höchst vergnüglich zu lesen sind die Erzählungen über dilettantisches und damit ungewollt komisches Theater. Ausführlich erzählt der Rüstige von einer völlig misslungenen Aufführung von Judith und Holofernes, wo statt des Holofernes ein im Bett liegendes, lebendiges Kalb vor aller Augen abgeschlachtet wird, um die Illusion eines brutalen Mordes zu befördern. Da die Darstellerin allerdings die größte Mühe hat, mit einem stumpfen Säbel dem Kalb den Kopf abzutrennen, bleibt die beabsichtigte Wirkung aus und schlägt in ihr Gegenteil um, denn es dauerte eine Weile und das Kalb bölkte ganz kläglich „biß sie ihme [dem Kalb] endlich den Kopf gantz herunter gefiedelt.“ [8] Als das Publikum zu lachen beginnt, fährt die Darstellerin empört aus der Rolle und beschimpft es:

Abbildung 3 – Pyramus und Thispe um 1474, Holzschnitt

„Wie stehet ihr Narren und lachet? Könnet ihr euch bey diesem Kalbe nicht inbilden / das es Holofernes gewesen? […] aber dieses sind Sachen / wovon ihr keinen Verstand habet. […] [9]“

Schließlich wird von einer Situation berichtet, wo zwei Theatertruppen, eine professionelle englische und eine dilettantische Handwerkertruppe, sich in einer großen Stadt gegenseitig Konkurrenz machten. Um die Laien in Misskredit zu bringen, baute die englische Truppe in ihr Stück den „Peter Squenz“ ein, die deutsche Version der Handwerkerszenen aus dem Sommernachtstraum von Shakespeare. In beiden Versionen führen Handwerker bei Hofe die Tragödie von Pyramus und Thispe auf, was aber aufgrund der Darbietung bei den Zuschauern Heiterkeit auslöst. Bis in jede Einzelheit des Kostüms hat der Rüstige dieses Theatererlebnis behalten und gibt es mit Vergnügen wieder. Auch hier endet das Spiel der Handwerker in einer wüsten Schlägerei der Beteiligten, sehr zur Freude der Zuschauer.

Abgesehen von solchen Entgleisungen weiß Rist grundsätzlich die Professionalität der Wandertruppen sehr zu schätzen. Sie können sein Theaterideal umsetzen, wonach im Sinne des Horaz das Theater prodesse et delectare, also „dergleichen Spiele die Gemühter der Zuhörer nicht allein belustigen/sondern auch vielfältigen nutzen“ haben, wie Ingeniander es ausdrückt. [10]

Für seine eigenen Stücke lässt Rist kein Mittel des Theaters ungenutzt. Er umrahmt die einzelnen Akte mit Musik oder streut auf der Bühne vorgetragene Lieder ein. Er weiß um die Wirkung von Beleuchtung, Vorhängen, Bühnenbildern, Masken und Kostümen, setzt sie reichlich ein und formuliert detaillierte Regieanweisungen. Stets bedenkt er die Spielbarkeit seiner Stücke, wobei ihm seine eigenen Erfahrungen als Schauspieler nützlich sind. Er arbeitet eng mit professionellen Theatertruppen zusammen, stellt allerdings auch hohe Anforderungen. In der Irenaromachia sind 35 Rollen zu besetzen, im FjT 37, jeweils plus Komparserie.

Alle diese Bemühungen dienen einem Ziel: der moralischen Erziehung der Menschen.

„Im übrigen / sollen und müssen derogleichen Spiele allezeit Lehrreich sein/damit die Zuschauer / dadurch gebessert und erbauet werden/ wie denn mancher ruchloser Mensch zu seinen Gedancken komt/ wenn er in derogleichen Schau-Spielen klährlich für Augen siehet/wie die Laster offt so greulich gestraffet und boßhaffte Leute ein erschreckliches Ende nehmen/wie mir den wol Exempel bewust/daß junge Leute/die von böser Gesellschafft zu allerhand Lasteren angelokket gewesen/durch fleissiges Anschauen solcher SpielGeschichte/in welchen die Tugend hoch belohnet/die Laster dagegen gahr scharff angesehen worden/auff einen guhten Weg wider gebracht sind/und zu tapfferen/ja GOTT/Kunst- und Tugendliebenen Männern worden.“ [11]

Hier schließt sich der Kreis. Für Rist ist das Theater letztlich eine sehr wirkungsvolle Form der Predigt. Er reagiert damit auf den in seiner Auffassung sündigen Lebenswandel der Menschen, der die Strafe Gottes, den Krieg, heraufbeschworen hat. Rist vertraut auf das Theater, was ihn veranlasst, dessen Mittel zu erforschen und gezielt einzusetzen.


1 Der Text ist zitiert nach der Textausgabe PDF Münchner Digitalisierungs-Zentrum, Digitale Bibliothek, Ausgabe Hamburg, In Verlegung Joh. Naumanns Buchh.,1666
2 Vgl.Niefanger, Dirk , Rists Theater-Gespräch von 1666, in: Steiger, Johann Anselm (Hrsg.) Bernhard Jahn (Hrsg.), Johann Rist (1607 bis 1667) Profil und Netzwerke eines Pastors, Dichters und Gelehrten, De Gruyter, 2015, S. 185-203
3 AllerEdelste Belustigung S. 178
4 Text AllerEdelste Belustigung S. 178f.
5 Vgl Niefanger, Dirk, a.a.O. S. 192f.
6 Text Monatsgespräch S. 179f.
7 Text Monatsgespräch S. 238f.
8 Text Monatsgespräche S. 187
9 Text Monatsgespräch S. 187f.
10 Text Monatsgespräch S. 169f.
11 Text S. 239f.

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