Auf welche Vorbilder konnte Rist in seinem dramatischen Werk zurückgreifen?

Abbildung 1 L. Caullery, Eine Aufführung auf dem Lande durch Wanderschauspieler, 1598, Zeichnung

Johann Rists dramatisches Werk lässt erkennen, dass er einerseits als gebildeter Mensch Theaterstücke gelesen hat und mit dem dramatischen Schaffen der Zeitgenossen vertraut war, andererseits aber als Theaterpraktiker darauf achtete, dass die Stücke bühnenwirksam präsentiert werden konnten.

Rist übernahm gerne Elemente anderer Dramatiker, die er für bühnenwirksam hielt, und wandelte sie ab. Beispielsweise ließ er sich für das FwT von Nicodemus Frischlin, einem protestantischen Poeten und Gelehrten, inspirieren. Frischlin ließ in seinem „Julius Redivivus“ von 1585 Cicero und Caesar das Deutschland des 16. Jahrhunderts besuchen und bestaunen. Bei Rist werden durch Merkur vier „germanische Helden“ in das Deutschland der Mitte des 17. Jahrhunderts gerufen, u.a. Hermann der Cherusker. Diese loben deutsche Redlichkeit, Einfachheit und Tapferkeit, müssen aber feststellen, dass die allegorische Figur Teutschland von diesen Tugenden nichts mehr wissen will.

Welche Erfordernisse musste ein Stück für die Wanderbühne erfüllen?

Rist hatte schon als Jugendlicher Aufführungen von Wanderbühnen in Hamburg erlebt und sich davon beeindrucken lassen. Auch hatte er selbst erfahren, dass bei Aufführungen auf offenen Plätzen längst nicht jedes Wort zu verstehen war, zumal wenn auf einem großen Platz mehrere Darbietungen gleichzeitig stattfanden. Deshalb schrieb er in Prosa. Seine Stücke enthalten „lange, statisch um eine Aussage oder einen Affekt kreisende Monologe (…), die der Schauspieler umstellen, kürzen, improvisierend verändern kann, ohne dass die Aussage dadurch zerstört würde.“ [1] Wie groß die Toleranz des Dichters gegenüber der Aufführung seiner Werke war, zeigt die folgende Äußerung:

„Es ist nichtes mühesamers / als in solchen Handlungen an gewisse Reden und Wöhrter sich binden müssen: Dagegen nichtes lustigers noch anmuhtigers / als wenn man frei mag Reden / insonderheit wo die Spieler guhtes Verstandes sind und von dem rechten Zwek nicht leicht abweichen.“ [2]

Auch Musikeinlagen, die Rist in seine Friedensspiele einflicht, sind typisch für die Wanderbühne. Die Lieder dienen der Bündelung der Kernaussagen und der affektiven Verstärkung. [3]

Abbildung 2 Volksbelustigungen auf dem Markusplatz in Venedig, 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts

Schließlich ist es auf Wanderbühnen Tradition, auch die Tragödien durch Zwischenspiele zu unterbrechen, in denen ein meist bäuerliches Personal zur Unterhaltung des Publikums die derbsten Späße vollführt.

Welche Elemente des Schultheaters nahm Rist auf?

In protestantischen Schulen wurden seit der Reformation Theaterstücke zu religiösen und mythologischen Themen in lateinischer Sprache gespielt. Auch auf katholischer Seite bediente man sich des Theaters, um der Jugend zentrale Botschaften zu vermitteln. Zum Schulalltag gehörten auch Theateraufführungen mit meist geistlichen Themen in lateinischer Sprache.

Abbildung 3 Allegorische Figur aus dem Ballet: Der Dämon der Laster

Die Jesuiten waren überzeugt, dass die christlichen Botschaften sich auf diese Weise tief in die Seele einprägten. Deshalb gingen sie auch dazu über, ihre Aufführungen auch dem einfachen Volk im Freien zu präsentieren. Von den Jesuiten übernahm Rist das dramaturgische Gesamtkonzept, indem auch er in seinen Friedensspielen ausschließlich allegorische Figuren verwendete, also Personifikationen einer Eigenschaft oder eines Begriffs. Zum Beispiel tritt der Friede auf, die Wahrheit oder auch die Missgunst. Es gibt den Unhold Wühterich und den wackeren Soldaten Degenwerth. Mars tritt Teutschland gegenüber. Die Figuren sind gut an ihren Emblemen zu erkennen. Ein Drama, das nur allegorische Figuren aufweist, muss einer bestimmten Dramaturgie folgen. Die Figuren sind auf eine oder wenige Eigenschaften festgelegt und daher auch nicht wandlungsfähig. Sie können also innerhalb der Handlung auch nur sehr eingeschränkt eine Entwicklung durchmachen. Der Fortgang der Handlung ergibt sich damit lediglich aus der Konstellation der Figuren zueinander, ähnlich wie bei einem Schachspiel. Eine große Anzahl „guter Figuren“ kann also den Sieg über die „bösen Figuren“ davontragen. Dennoch soll man nicht denken, die allegorische Figur hätte die Zuschauer nicht bewegt. Man kann davon ausgehen, dass der tiefe Fall „Teutschlands“ im FwT, seine gänzliche Verelendung das Publikum ergriffen hat.

Für die Jesuiten war die Verwendung allegorischer Figuren besonders wichtig, weil ihre Stücke in lateinischer Sprache aufgeführt wurden, die das einfache Volk nicht verstand. Die Bühnendarstellung verschob sich also auf die Bildebene, die durch besondere visuelle Effekte noch verstärkt wurde. Rist hat aus diesen Vorbildern gelernt, auch wenn ein direkter Einfluss nicht nachweisbar ist. In seinem Drama „Das friedejauchzende Teutschland“ erscheint der Frieden auf der durch einen Vorhang abgetrennten Hinterbühne:

„Hierauff öffnet sich der innerste Schauplatz / in selbigem stehet gleich von weitem der Friede in weisser Seide gar köstlich bekleidet / eine güldene Krone auff dem Haupte tragend / in der einen Hand einen Oelzweige / in der anderen [ein] Fruchthorn (Cornu copiae) haltend / auch sonst mit güldenen Ketten und Kleinodien herrlich gezieret. Es muß aber der Ort mit vielen Lichtern und Lampen hellgläntzend gemacht werden. Üm den Frieden her stehen etliche gantz weiß bekleidete / auff dem Haupt bekräntzete / und in Händen Oel- und Palmzweige tragende Kinder […]. [4]

Man kann sich schon vorstellen, dass solche Effekte großen Eindruck auf die Zuschauer machten. Ähnlich verstärkend wirkten auch akustische Reize wie Geräusche und Musik. Rist lässt Mars mit Büchsenknallen und Trommelwirbeln auftreten, während die Himmlischen Gesänge Schop und Schütz anstimmen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich Rist sowohl bei der Wahl allegorischer Figuren als auch beim Einsatz stummer Bilder und akustischer wie visueller Effekte am Jesuitendrama orientiert hat. Erstaunlich ist, dass der Wedeler protestantische Pastor keine Scheu hatte, eine Praxis zu übernehmen, die von den medial geschulten, auf die Beförderung ihrer Konfession ausgerichteten Katholiken lange schon angewandt wurde. Rist war zu sehr ein Theaterfreund, um aus diesen Gründen auf wichtige Elemente der Schaubühne zu verzichten.


1 Jahn, Bernhard, Johann Rists grenzüberschreitendes Theater- Gattungsexperimente und Interkonfessionalität in: Steiger, Johann Anselm (Hrsg.) Bernhard Jahn (Hrsg.), Johann Rist (1607 bis 1667) Profil und Netzwerke eines Pastors, Dichters und Gelehrten, De Gruyter, 2015, S. 163-183
2 Zit. nach Jahn a.a.O. S. 169
3 Jahn, Bernhard a.a.O. S. 170
4 zit. nach Jahn a.a.O. S. 174f.

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